Augen-Blicke / Eye Gazing


„Augenblick, bitte!“ – so sprechen wir, wenn wir uns nicht hetzen lassen wollen, obwohl wir uns vielleicht bedrängt fühlen. Wir möchten diesen Wunsch einmal sehr wörtlich nehmen und einen „Augen-Blick“ menschlicher Begegnung daraus gestalten.

Beim Eye Gazing kommen Menschen jeglichen Alters, Menschen unterschiedlicher Herkunft und beliebiger Weltanschauung zusammen. Sie setzen oder stellen sich einer – meist fremden – Person gegenüber und blicken sich einfach ein paar Minuten lang schweigend in die Augen. Das ist alles. Es ist ganz einfach und kann doch so viel bewirken.

„Die Augen sind der Spiegel der Seele und reflektieren alles, was verborgen zu sein scheint. Und wie ein Spiegel spiegeln sie auch die Person, die in sie hineinschaut.“
Paulo Coelho

In modernen Gesellschaften betonen wir sehr die Individualität jedes einzelnen und kultivieren damit die Unterschiede zwischen den Menschen. Eigeninteresse und Abgrenzung prägen zu oft unser Denken, Fühlen und Handeln. Das Ich fühlt sich im Wettbewerb mit dem Rest der Welt; „Wir gegen die anderen“ ist eine Sichtweise, die wieder bis tief in den Mainstream gesellschaftlicher Debatten eingedrungen ist.

Gerne übersehen wir dabei die andere Seite unseres menschlichen Daseins: Menschen sind Gemeinschaftswesen. Wir alle tragen in uns die große Sehnsucht nach Begegnung, Zugehörigkeit und Liebe. Auf eine bestimmte Art und Weise – tief im Inneren – sind wir alle gleich, teilen wir diesen Wunsch nach Verbundenheit und Glück.

Genau diesem Kerngedanken entspringt das Eye Gazing. Es geht darum die Verbundenheit zwischen uns Menschen zu erforschen, selbst zu erfahren und öffentlich zu zeigen.

Philosophie und Psychologie des Eye Gazing

Paulo Coelho war nicht der erste, der die Augen als Spiegel der Seele beschrieben hat. Schon Sokrates hat den Blick in die Augen eines anderen verglichen mit dem Blick in die eigene Seele. Ist es wirklich so? Sind die Augen des Anderen der beste Spiegel, den wir haben können? Sind sie der Spiegel für die Seele des anderen? Oder eher ein Spiegel für unsere eigene Seele? Womöglich trifft beides zu …

Und was hat es mit einer weiteren Bedeutung des Wortes Augenblick auf sich, nämlich mit der Gegenwart? Wie lange dauert Gegenwart? Einen Wimpernschlag lang, ein kurzes Aufleuchten der Augen, oder länger, oder kürzer? Ist die Gegenwart – das Jetzt – eigentlich bestimmbar? Beim Blick in den Blick des anderen spüren wir: Es geht nicht um Zeit; es geht um Gegenwärtigkeit; es geht um ein Da-Sein, um ein Mit-Sein.

Auch das wird im Augen-Blick mit dem anderen gewahr: die Verbundenheit. Nicht nur die persönliche, sondern die allgemein menschliche, die lebe(ns)wesen(t)liche Verbundenheit. Blicken wir tief in die Schwärze der Pupille eines anderen, verliert sich alles darum herum. Verlieren sich in der Tiefe des Blickes nicht auch alle Bewertungen, (Vor-)Urteile und alle Diskriminierungen? Begegnet sich da nicht erst Mensch mit Mensch, Lebewesen mit Lebewesen? Ohne allen Schein? Und spricht der Blick nicht tausend Bände? Wozu Worte, wenn wir uns wahrhaft erblicken können im Blick des anderen?

Augenkontakt ist universal. Augen-Blicke ermöglichen uns eine Verbindung über alle Grenzen von Sprache, Kultur, Religion und Weltanschauung hinweg. Wenn sich zwei Menschen länger als üblich in die Augen schauen, schütten ihre Körper Hormone und Botenstoffe aus, die eine tiefere Verbindung ermöglichen. Ähnlich wie das Lächeln ist intensiver Blickkontakt eine der einfachsten Möglichkeiten, um unsere alltäglichen Begegnungen positiv zu gestalten – und damit unser Leben und das unserer Mitmenschen zu bereichern. Augen-Blicke werden die Welt nicht retten. Doch sie können ein Beitrag sein, sie täglich ein kleines bisschen menschlicher, herzlicher und friedlicher zu machen.

Der Neuropsychologe Dr. Wolfgang Kringler sagt zu Eye Gazing:

„Das Ganze ist ja sehr positiv aufgeladen, man wird Teil einer besonderen Gemeinschaft. Natürlich, es ist auch eine Investition, man muss eine Barriere einreißen, die man normalerweise um sich herum aufgebaut hat. Aber man bekommt etwas zurück. Das Gespräch mit den Augen kann besser funktionieren als eines mit Worten. Denn man erkennt Gefühle oder Ängste, über die zu einem so frühen Zeitpunkt einer Bekanntschaft sicher nicht gesprochen würde.“

Probieren Sie es selbst aus. Es braucht nur Neugier ein wenig Mut.

Geschichte des Eye Gazing

Im Frühjahr 2010 fand im New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) eine 75-tägige Performance der serbischen Performance-Künstlerin Marina Abramovic statt. Unter dem Motto „The Artist Is Present“ saß Marina während der Öffnungszeiten des Museums an einem Tisch und schwieg. Ihr gegenüber stand ein zweiter Stuhl, auf dem Besucher Platz nehmen und der Künstlerin – für wie lange auch immer – bedingungslos in die Augen schauen konnten.

Die Idee aufgegriffen hat die australische Gruppe „The Liberators“ um den Performance-Künstler Peter Sharp. Erstmals im Jahr 2015 haben The Liberators ihr Event „The World’s Biggest Eye Contact Experiment“ durchgeführt. Unter dem Motto

„Where has the human connection gone? Share 1 minute eye contact to find out.“

haben sich weltweit am gleichen Tag Gruppen von Menschen getroffen und Passanten zum Teilen von Augen-Blicken eingeladen.

Veranstaltungen werden auf der Startseite angekündigt.

Ihr Ansprechpartner für Veranstaltungen: Manfred Eberle

Manfred Eberle per e-Mail kontaktieren.